Michael Mönninger:    Der Held des Rückzugs - Paris übt sich in kommunaler Demokratie und versucht, die Bausünde des Hallenforums wiedergutzumachen

(DIE ZEIT vom 22. Dezember 2004; S. 40)

Als der Staat noch das Sagen hatte, war der Ausbau der Hauptstadt kein Problem. Von Napoleon III. bis Präsident Miterrand bestand die Pariser Stadtplanung aus einem gewalttätigen staatlichen Denkmalskult. Unter dem Feldherrnblick der Herrscher konnten nur Projekte mit größter Ausstrahlung und Fernwirkung bestehen. Trotz revolutionärer Gegenwehr blieben die Bewohner Statisten, die mit dem Versprechen getröstet wurden, in einem Ambiente von weltweit beneideter Pracht zu leben, für dessen Ausstattung ganz Frankreich blutete.

Doch seitdem das Land nicht mehr will und der Staat nicht mehr kann, nehmen die Pariser ihre Geschicke allmählich in die eigene Hand. Allerdings besitzt die Stadt in Sachen kommunaler Selbstständigkeit nur wenig Erfahrung. Denn nach dem Sturz der Monarchie 1870 und der Niederschlagung des Kommune-Aufstandes entzog die Nationalversammlung der Hauptstadt wesentliche Hoheitsrechte, damit von Paris niemals wieder eine proletarische Diktatur ausgehen konnte. Erst 1975 übergab Präsident Giscard d'Estaing die Stadt aus der Hand des staatlichen Polizeipräfekten in die eines richtigen Bürgermeisters.

Und der muss seitdem schultern, was einst die ganze Nation getragen hatte. Das fiel bislang nicht so auf, weil Präsident »Mitterramses« mit 14 pharaonischen grands  projets die Pariser ein letztes Mal über ihre Köpfe hinweg beglückte. Die Absturzgefahren der neuen Lastenverteilung werden also erst jetzt deutlich. Noch im Frühjahr hatte der 2001 gewählte Bürgermeister Benrand Delanoe in Gebieterpose vier ausgewählte Modelle zum Umbau des berüchtigten Verkehrs- und Einkaufsknotens Forum des Halles präsentiert. Doch nun soll sein wichtigstes Großprojekt weitaus bescheidener ausfallen. Die Stadt kann und will keinen der vier Masterpläne 7,ur Neugestaltung des Riesenlabyrinths zwischen Palais Royal und Centre Pompidou realisieren. Stattdessen bekommt der Pariser Stadtreparateur David Mangin einen Forschungsauftrag zur weiteren Erkundung des 15 Hektar großen Terrains, auf dem der Wunsch von Staatspräsidenten und Stadtplanern, alles anders und besser zu machen als jemals zuvor, eines der größten Stadtmassaker des 20. Jahrhunderts angerichtet hatte.

Mit dem Spott der internationalen Presse über den Pariser Bürgermeister für seine »feige« und »visionslose« Entscheidung tauchte auch die totgeglaubte Feldherrn Perspektive auf Paris wieder auf, nur diesmal von auswärts. Denn längst ist die Fremdherrschaft über die Stadt auf die jährlich 26 Millionen Touristen und Messebesucher übergegangen, die an das weltweit meistfrequentierte städtische Reiseziel den Anspruch eines ganzjährigen Festivalbetriebes stellen.

Dagegen nimmt Delanoe in Abgrenzung von seinen konservartiv-etatistischen Amtsvorgängern eine ungewohnte städtische Nahperspektive ein. Mit Quartierspolitik, Sozialprojekten und Bürgerbefragungen will er den Parisern wieder ein Mitspracherecht über ihre Kommune geben. Denn mit ihrer fast an Manhattan heranreichenden Bevölkerungsdichte von 24 000 Menschen pro Quadratkilometer gehört die Stadt zu den anstrengendsten Metropolen der wesdichen Welt. Aber weil mit dem Nachholbedarf an Kinderkrippen, Fahrradwegen und Bürgertreffs der Besucherhunger nach neuen Attraktionen nicht zu stillen ist, erfand Delanoe erfolgreiche Arte-povera-Events wie Paris plage oder Nuit blanche, die bestehende Räume neu bespielen. Doch bei seiner Suche nach einem Projekt mit Massenwirkung blieb er am Forum des Halles hängen. Und dort erkannte er in kürzester Zeit ein Problem, das eine ganze Generation von Parisern traumatisiert hat.

Der klebrige Zeitgeschmack der siebziger Jahre steckt in allen Fugen

Denn Frankreichs Architekten leiden seit Jahrzehnten unter dem Sputnik-Schock einer nachzuholenden Modernisierung. Dieser Futurismus hat sie zu Höchstleistungen angetrieben, aber die Einsicht in Irrtümer lange verhindert. Dazu gehört der 1969 vom Staat verfügte Abriss der alten Markthallen, ein Sehnsuchtsort, der jüngst wieder in der sepiafarbenen Kulisse von Jean-Pierre Jeunets Erfolgsfilm Un lang dimanche de fianfaiües auferstand. Die Riesengruft des Forum des Halles zählt zu den größten Schandtaten der französischen Architekturmoderne. Dennoch hat die Anlage eine breite Akzeptanz gefunden, weil sie ihre Grotte n hässlich ke i t mit einer geradezu infernalischen Funktionstüchtigkeit wettmacht.

Während der fast gleich große Louvre mit seinen 30 000 Tagesbesuchern aus den Nähten platzt, rauschen durch die acht RER- und Metrohaltestellen des Hallenforums jeden Tag 800 000 Menschen. Hinzu kommen das umsatzstärkste Pariser Einkaufszentrum mit Europas größter Medienhandlung und Kinokette sowie ein Olympiataugliches Schwimmbad, die jedes Jahr 41 Millionen Menschen anziehen.

Diese Unterwelt wurde allerdings im klebrigen Zeitgeschmack der Siebziger in ein klaustrophiles Tunnel-, Röhren- und Rampensystem gepresst. Das hat man den 1972 noch mit Lob überschütteten Architekten Vasconi und Pencreach bis heute nicht verziehen. Dabei war ihr Entwurf schon damals eine deutliche Zähmung des Zeitgeistes. Aber nachdem Jacques Chirac 1977 als neuer Bürgermeister zum Chefplaner der Hallen wurde, richtete er bei seinem ersten Gesellenstück vollständigen Murks an. Zwar ließ er glücklicherweise die Fundamente eines antikischen Riesenbaus von Ricardo Bofill abreißen. Doch Chiracs bürgerfreundlich gemeinter Wunsch, im Forum solle auch »Frirrenduft« wehen, machte aus dem oberirdischen Abschluss der Anlage ein Desaster.

Vasconi kleidete seinen viel zu kleinen Belichtungskrater im Zentrum mit gläsernen Wülsten wie einen Aschenbecher aus, der Architekt Villerval spannte darüber Spiegel verglaste Wintergärten in Form zerfetzter Regen schirme auf. Zum Schluss überdachte der Gartenarchitekt Lalanne das Höhlensystem mit einer vier Hektar großen Grünfläche nach Art einer Landesgartenschau, die mit ihren neckischen Brücken, Hochbeeten und Betonmöbeln so verbaut ist, dass kaum jemand ihre klösterlich stillen Winkel findet.

Der holländische Architekt Rem Koolhaas beschrieb das Forum als »die Galapagosinseln der modernen Architektur, auf denen die Geschöpfe einer anderen Evolution aus dem Boden kriechen«. Dieser Widerwille scheint sich heute eher auf die Immigrantenjugend aus den Vorstädten zu richten, für die das Forum der wichtigste Treffpunkt im Pariser Zentrum ist. Don geht es nach Kinoschluss und am Wochenende laut und hoch her.

Nachdem aus dem ehemaligen »Bauch von Paris« seit Forumseröffnung 1979 das »Herz« der Stadt wurde, soll das Ganze jetzt auch eine »Seele« bekommen. Angesichts dieses Metaphernsalats forderte selbst das baufreudige Magazin L'architecture d'aujourd'hui, statt solcher Sentimentalitäten in einem Akt mentaler Hygiene erst einmal die Mängel der bestehenden Anlage zu erkennen.

Und dafür braucht das überlastete Paris, das hinter seinen historischen Fassaden längst zu einer hypermodernen Dauerbaustelle geworden ist, keine neue Riesengrube in der Stadt, die den nahezu einzigen großzügigen Freiraum des Zentrums blockiert. Zwar versprachen die jetzt verworfenen Entwürfe von Koolhaas, Nouvel und MVRDV, die Hallenkatakomben mit G las türmen und transparenten Bodenbelägen zu einem leuchtenden horizontalen Kirchenfenster im Stadtgrundriss zu öffnen. Aber die Stadt kann weder ihren größten Verkehrsknoten vorübergehend außer Betrieb nehmen noch die ohnehin marginalisierte Vorstadtjugend verdrängen. Und nach dem Trauma von 15 Jahren Baustelle wollen die Pariser, wie eine Bürgerbefragung zum Forum ergab, dort nicht wieder einen Wald von Kränen sehen.

Das nächste städtische Traumprojekt in Paris heißt »Olympia 2012«

Mit der doppelten Last, die Planungsfehler früherer Staatspräsidenten zu korrigieren und zugleich mit kommunalen Mitteln ein neues grand projet zu stemmen, ist Bürgermeister Delanoe restlos überfordert. So entwickelt er sich zu einem Helden des städtebaulichen Rückzugs, der nach der Diktatur der Staatsplanungen die kommunale Demokratie versucht. Und die konnte mit dem Einsatz eines beherzten Räum- und Putzkommandos zur architektonischen Müllbeseitigung beginnen. Ohne die schäbigen Fliesenwände und abgehängten Decken, die zerbeulten Metallverkleidungen und blinden Scheiben in der Unterwelt sowie die baufälligen Schirmpavillons darüber wäre das Forum kaum wiederzuerkennen.

Und die Stadt hätte 300 Millionen Euro gespart, die sie ihrer wichtigsten Aufgabe widmen könnte. Denn erstmals hat das politisch einst schwarze Paris die Chance, sich in die rote pettte couronne jenseits des Autobahnrings zu erweitern. Größte Bauanstrengungen sind weniger im Zentrum als am Rand nötig, wo jeder Brückenschlag zu den Nachbargemeinden fehlt. Das wäre sogar mit dem Traumprojekt Olympia 2012 zu vereinen, für das die Stadt große Entwicklungsgebiete außerhalb vorsieht. Selbst wenn Bürgermeister Delanoe nur deshalb vom Hallenprojekt abrückt, weil er schon mit dem nächsten Großvorhaben liebäugelt, wären die Jahre des Nachsitzens in kommunaler Selbstständigkeit nicht vergebens gewesen.

Copyright © 2004 Dennis Vihar. Alle Rechte vorbehalten.
Stand: 01. Januar 2005