Samuel Johnson: Das
Leben eine Reise
(aus: Feige, Chr.; Meggle, G.; Wessels, U. (Hrsg.): Der Sinn des Lebens, München 2000, S. 23 ff.)
Das Leben, sagt Seneca, ist eine Reise, bei deren Fortgang wir beständig unsre Szenen ändern. Wir lassen zuerst die Kindheit hinter uns zurück, danächst die Jugend, dann die Jahre des reifen männlichen und endlich des besseren und angenehmeren Teils des hohen Alters. Das Lesen dieser Stelle hatte in mir eine Folge von Gedanken über den Zustand des Menschen, über das unaufhörliche Hin- und Herwanken seiner Wünsche, über die allmähliche Veränderung seiner Ansehung der Dinge außer ihm und über die Gedankenlosigkeit, mit welcher er den Strom des Lebens hinabschwimmt, erweckt. Mitten unter diesen Betrachtungen fiel ich in einen Schlaf; und in einem Augenblick füllten meine Ohren das Geräusch der Arbeit, laute Rufe bald der Munterkeit, bald des Entsetzens, das Sausen der Winde und das Rauschen der Wellen.
Mein Erstaunen hielt auf einige Zeit meine Neubegierde zurück. Doch erholte ich mich bald so weit, dass ich fragte, wohin wir gingen und was die Ursache eines solchen Geschreis und einer solchen Verwirrung sei. Ich erfuhr darauf, dass wir in den Ozean des Lebens ausliefen, dass wir bereits durch die Straßen der Kindheit gekommen wären, in welchen viele ihren Untergang gefunden hätten, einige durch die Untauglichkeit und Zerbrechlichkeit ihres Fahrzeuges, noch mehrere aber durch die Torheit, Verkehrtheit oder Unachtsamkeit derjenigen, die es übernahmen, sie zu steuern; und dass wir uns jetzt auf der offenen See befänden, den Winden und Wellen überlassen, ohne andere Hilfsmittel außer der Sorgfalt unsres Steuermanns, den ein jeder sich unter einer großen Anzahl, die ihre Leitung und ihren Beistand anboten, aussuchen konnte.
Ich sah mich hierauf mit ängstlicher Eifrigkeit um und erblickte, da ich meine Augen zuerst hinter mich wandte, einen Fluss, der sich durch beblümte Inseln wand. Alle, die den Strom hinabsegelten, schienen sie mit Entzücken anzusehen. Doch sobald sie sich ihnen näherten, riss der Lauf des Stroms, der zwar nicht lärmend noch ungestüm, inzwischen aber doch unwiderstehlich war, sie mit sich fort. Jenseits der Inseln war alles Dunkelheit; und keiner der Reisenden vermochte das Gestade zu beschreiben, allwo er zuerst zu Schiffe gegangen war.
Vor mir und auf beiden Seiten war eine weit verbreitete Wasserfläche, die in einer heftigen Bewegung und mit einem so dicken Nebel bedeckt war, dass das schärfste Auge nur auf eine kurze Strecke sehen konnte. Sie schien voller Klippen und Strudel zu sein. Denn viele sanken unvermutet hinweg, wenn sie mit günstigem Winde und vollen Segeln fuhren und derjenigen spotteten, die sie hinter sich zurückgelassen hatten. Die Gefahren waren so vielfältig und die Finsternis so dicht, dass keine Behutsamkeit völlige Sicherheit zu verschaffen vermochte. Und bei dem allen fanden sich noch Leute, welche diejenigen, die ihnen folgten, durch falsche Nachrichten betrüglicherweise in die Strudel stürzten oder andere, die ihnen im Wege waren, mit Gewalt auf die Klippen warfen.
Der Strom war unwandelbar und unüberwindlich. Inzwischen, so unmöglich es auch war, ihn hinaufzusegeln oder zu dem Ort, bei dem man einmal vorbeigefahren war, zurückzukehren, so war er doch nicht so heftig, dass er keine Gelegenheit verstattet hätte, sich seiner Geschicklichkeit und seines Mutes mit Nutzen zu bedienen. Denn wenngleich niemand von der Gefahr sich zurückzuziehen vermögend war, so konnte man ihr doch oft durch eine Seitenwendung ausweichen.
Inzwischen war es doch nicht sehr gewöhnlich, mit vieler Vorsichtigkeit oder Klugheit zu steuern. Denn es schien, als wenn durch eine allgemeine Betörung sich ein jeder sicher zu sein dünkte, ob er gleich jeden Augenblick seine Gefährten rund um sich her untersinken sah. Die Wellen hatten sich kaum über ihnen zusammengeschlagen, da schon ihr Schicksal und ihre Fehltritte in Vergessenheit gerieten. Die Reise ward mit ebenderselben fröhlichen Zuversicht fortgesetzt. Ein jeder wünschte sich selbst zu der Festigkeit seines Fahrzeuges Glück und glaubte, tüchtig zu sein, dem Strudel zu widerstehen, der seinen Freund verschlungen hatte, oder über die Klippe hinzufließen, an welcher jener scheiterte. Man beobachtete es nur selten, dass jemand durch den Anblick eines zertrümmerten Schiffes seinen Lauf zu ändern veranlasst ward. Und wenn er sich auch auf einen Augenblick auf die Seite wandte, so vergaß er doch bald, auf das Steuerruder zu achten, und überließ sich wieder der Lenkung des Zufalls.
Diese Fahrlässigkeit entstand nicht aus einer Gleichgültigkeit oder Unzufriedenheit über ihren gegenwärtigen Zustand; denn es war unter denen, die solchergestalt dem Verderben in den Rachen eilten, kein Einziger, der, wenn er in den Abgrund hinabsank, nicht mit lautem Geschrei seine Reisegefährten um eine Hilfe angefleht hätte, die ihm nicht weiter widerfahren konnte. Und viele von ihnen wandten ihre letzten Augenblicke dazu an, dass sie andere vor der Torheit warnten, durch welche sie in der Mitte ihres Laufs dahingerissen wurden. Ihre guten Gesinnungen wurden zuweilen gelobt. Auf ihre Ermahnungen aber ward wenig geachtet.
Weil die Fahrzeuge, auf denen sie in See gegangen waren, ganz offenbar der ungestümen Gewalt des Stromes des Lebens nicht gewachsen waren, so wurden sie auf dem ferneren Fortgang der Reise augenscheinlich schlechter. Ein jeder Reisende konnte also sicher glauben, dass, solange er auch durch einen oder den ändern günstigen Zufall oder durch seine unaufhörliche Wachsamkeit erhalten würde, er doch endlich zugrunde gehen müsste.
Man hätte natürlicherweise glauben sollen, dass die Notwendigkeit des Unterganges den Fröhlichen betrübt und den Vermessenen verzagt machen oder doch zum wenigsten die Trübsinnigen und Furchtsamen in beständiger Unruhe halten und sie an dem Genuss aller der mannigfaltigen Ergötzungen hindern sollen, welche die Natur ihnen, gleichsam zu einem Trost bei ihrer Mühseligkeit, darbot. Allein in der Tat schien niemand den Untergang weniger zu erwarten als diejenigen, denen er am fürchterlichsten war; sie besaßen alle die Kunst, die Gefahr vor ihnen selbst zu verbergen; und die, welche ihr Unvermögen kannten, den Anblick all der Schreckensbilder zu ertragen, die ihnen den Weg versperrten, hüteten sich sorgfältig, nie vorwärts zu sehen, sondern suchten eine Zeitkürzung für den gegenwärtigen Augenblick und beschäftigten sich gemeiniglich damit, dass sie mit der Hoffnung spielten, welche bei allen die beständige Reisegefährtin auf der Wallfahrt des Lebens war.
Indessen war alles, was die Hoffnung denen, welchen sie am günstigsten war, versprach, nicht, dass sie dem Untergang entrinnen, sondern dass sie im Sinken die Letzten sein sollten. Mit dieser Zusage war ein jeder zufrieden, ob er gleich über all die ändern lachte, dass sie solcher Glauben zustellten. In der Tat aber spottete die Hoffnung offenbar der Leichtgläubigkeit ihrer Gefährten. Denn je mehr ihre Fahrzeuge allmählich Wasser zu schöpfen anfingen, desto mehr verdoppelte sie ihre Versicherungen. Und keiner war emsiger, sich zu einer langen Reise den nötigen Vorrat anzuschaffen als diejenigen, die ein jeder andere, außer ihnen selbst, durch unwiederbringlichen Verfall dem baldigen Verderben sich nahen sah.
Mitten in dem Strom des Lebens war der Schlund der Unmäßigkeit, ein fürchterlicher Strudel, mit Klippen untermengt, deren scharfe Spitzen unter dem Wasser verborgen oder deren hervorragende Gipfel mit grünen Krautern, auf denen die Gemächlichkeit Ruhekissen ausbreitete, und mit schattenreichen Hainen bedeckt waren, in welchen die Wollust den Gesang der Einladung anstimmte. Alle, die auf dem Ozean des Lebens segeln, müssen notwendig im Gesicht dieser Felsen vorbei. Die Vernunft war zwar allzeit bereit, die Reisenden durch einen engen Kanal hindurchzusteuem, durch welchen sie der Gefahr entgehen konnten. Allein sehr wenige konnten durch ihre Bitten oder Vorstellungen bewogen werden, ihrer Hand das Steuerruder zu überlassen, ohne dabei zu bedingen, dass sie sich den Felsen der Wollust so weit nähern möchten, dass sie sich durch einen kurzen Genuss dieser anmutigen Gegend trösten könnten, wonächst sie ohne einige fernere Abweichung ihren Weg fortzusetzen versprachen.
Die Vernunft ließ sich oft durch diese Verheißungen so weit gewinnen, dass sie sich mit ihrer Fracht auf den Rand des Schlundes der Unmäßigkeit wagte, wo der Wirbel zwar schwach war, indessen aber doch den Lauf des Fahrzeuges unterbrach und es durch unmerkliche Umdrehungen in den Mittelpunkt zog. Sie bereute alsdann ihre Unbesonnenheit und wandte all ihre Kräfte an, sich wiederum zurückzuziehen; allein die anziehende Kraft des Strudels war gemeiniglich zu stark, als dass sie hätte überwältigt werden können; und der Reisende ward, nachdem er einige Zeit lang mit einer angenehmen und schwindligen Schnelligkeit in beständigen Zirkeln herumgetanzt hatte, endlich von den Fluten bedeckt und verschlungen. Die wenigen, welche die Vernunft der Gefahr zu entreißen vermochte, litten gemeiniglich auf den Spitzen, die aus den Felsen der Wollust hervorschossen, so viele Stöße, dass sie unfähig waren, mit gleicher Stärke und Geschwindigkeit wie vorhin ihren Lauf fortzusetzen, sondern furchtsam und schwach dahinflössen, durch das geringste Lüftchen geängstigt und durch jede Bewegung des Wassers beschädigt, bis sie endlich, nach langen Arbeiten und nach unzähligen Versuchen, ihre eigene Torheit bereuend und alle ändern vor der ersten Annäherung zu dem Schlunde der Unmäßigkeit warnend, langsam und allmählich hinabsanken.
Es fanden sich zwar einige, welche sich dafür ausgaben, dass sie die zertrümmerten Stellen ausbessern und die Lecke der Fahrzeuge, die an den Felsen der Wollust beschädigt waren, stopfen könnten. Viele schienen auch in ihre Geschicklichkeit ein großes Vertrauen zu setzen, und in der Tat wurden auch einige, die bloß einen einzelnen Stoß bekommen hatten, durch ihre Kunst vor dem gänzlichen Untergang bewahrt. Ich beobachtete aber, dass wenige von den Fahrzeugen, welche stark ausgebessert waren, lange dauerten. Und ebenso wenig konnte ich finden, dass diese Künstler sich länger über dem Wasser erhielten als diejenigen, die ihres Beistands am wenigsten genossen hatten.
Der einzige Vorteil, welchen die Vorsichtigen auf der Reise des Lebens vor den Fahrlässigen voraushatten, bestand darin, dass sie später sanken und schleuniger sanken. Manche von ihnen fuhren so lange den Strom hinab, bis sie alle, die mit ihnen zugleich aus den Straßen der Kindheit ausgelaufen waren, auf dem Weg hatten umkommen gesehen, und wurden endlich ohne die Arbeit des Widerstandes und ohne die Angst der Erwartung durch einen Wirbelwind über den Haufen geworfen. Diejenigen aber, die oft an die Klippen der Wollust gestoßen, sanken gemeiniglich stufenweise, rangen lange Zeit mit dem auf sie eindringenden Wasser und matteten sich durch beständiges Arbeiten dergestalt ab, dass kaum die Hoffnung selbst ihnen mit einem guten Erfolg schmeicheln konnte.
Da ich solchergestalt das verschiedene Schicksal der großen Menge um mich herum aufmerksam beobachtete, ward ich plötzlich in meinen Betrachtungen durch die Ermahnung einer unbekannten Macht unterbrochen. "Gaffe nicht müßig nach ändern, wenn du selbst im Begriff bist zu sinken! Woher kommt diese unbesonnene Sicherheit und Ruhe, wenn du mit jenen in gleicher Gefahr bist?.. Ich bückte auf, sah den Schlund der Unmäßigkeit vor mir, bebte zurück und erwachte.
Copyright © 2004 Dennis Vihar. Alle
Rechte vorbehalten.
Stand: 09. Mai 2004