Sven Jansen: Traum eines Schülers
Ach ja! Dr. Glossfield, Chemielehrer an der Miss-Sophie-School in Upperville, seufzte. Gerade hatte es zur großen Pause geläutet, und wie an jedem Morgen begab er sich auch an diesem 22. November vom Hörsaal ins Labor, um dort in Ruhe sein zweites Frühstück zu verzehren. Dr. Glossfield hatte die Angewohnheit, sich nur mit den wichtigsten Materialien in den Unterricht zu begeben; seine Tasche mit den jeweils nicht benötigten Unterlagen pflegte er neben dem Bücherschrank des Labors abzustellen. So nahm er die Tasche aus ihrem Winkel. Er setzte sich an einen Labortisch, und während er noch nach seinen Butterbroten kramte, lief ihm bereits das Wasser im Munde zusammen. Hach, wie er sie liebte, diese Salamibrote! Während er zubiss, sah Glossfield auf seine Armbanduhr. Es war 9:28 Uhr. Seine nächste Unterrichtsstunde begann um 11:30 Uhr, und sein Kollege Clohouse benötigte das Labor erst wieder in einer Stunde. Glossfield konnte sich also Zeit lassen. Genüsslich kaute er...
Um 10:31 Uhr betrat Clohouse den Raum. Er stellte fest, dass Glossfield tot war.
Um II:02 Uhr traf die von Clohouse alarmierte Polizei an der Miss-Sophie-School ein. Während Chiefinspector Henry Bones durch das verwinkelte Schulgebäude zum Labor eilte (und sich dabei zweimal verlief), hörte er, wie Schuldirektor Lacoste über die in jedem Raum und jedem Flur installierte Lautsprecheranlage den Todesfall bekanntgab und sein tiefes Bedauern über den tragischen Verlust des hochgeschätzten Kollegen ausdrückte. Dem geschulten Ohr des Polizisten entging dabei nicht, dass sich ein gewisser hämischer Unterton in die Stimme des Direktors verirrt hatte.
Endlich fand Bones das Chemielabor, wo Clohouse ihn bereits erwartete. Aufmerksam lauschte der Chiefinspector den Ausführungen des Lehrers, der sich mittlerweile von seiner ersten Verwirrung erholt hatte. Detailliert schilderte Clohouse, wie er seinen Kollegen zusammengesunken vorgefunden hatte: so mausetot, dass jeder Versuch, Erste Hilfe zu leisten, aussichtslos gewesen war... Gemütlich brummelnd betrachtete Bones die Leiche. Glossfield war offensichtlich ein Mann in der Blüte seiner Jahre gewesen. Selbst als Toter wirkte er noch lustig und vital, und Bones wunderte sich im stillen, wie ein Mann, der eine solche Agilität ausstrahlte, so plötzlich zu Tode kommen konnte. Er beschloss, eine Obduktion anzuordnen. Konnte es sich hier um einen natürlichen Tod handeln? Mit diesen Gedanken begab Bones sich an die Spurensicherung. Es war offenkundig, dass Glossfield gerade gefrühstückt hatte, als ihn das Schicksal alles Sterblichen ereilte, da ein angebissenes, ziemlich speichelfeuchtes Salamibrot neben ihm auf dem Boden lag. Mit spitzen Fingern hob Bones, dem gerade die Möglichkeit einer Lebensmittelvergiftung in den Sinn gekommen war, das Butterbrot auf und steckte es in eine Plastiktüte. Er würde es genau untersuchen lassen und... puh! Der Chiefinspector wünschte sich sehnlichst eine dritte Hand, um sich angesichts des fürchterlichen Knoblauchgestanks, der von der Salami ausging, die Nase zuzuhalten. Bones' Blick fiel auf Glossfields Tasche. In der Hoffnung, irgendeine Spur zu finden, öffnete und entleerte er sie. Der Inhalt bestand aus: einem weiteren Butterbrot, einem Schlüsselbund, einem sauberen und zwei schmutzigen Taschentüchern, drei Kugelschreibern, einem Notizbuch, zahllosen Blättern, einem Buch namens "The very best of Hermann Römpp: 1000 goldene Regeln für den Chemieunterricht" sowie drei Kursmappen. Bones beschloss, alles mitzunehmen, um es sich im Präsidium näher anzusehen. Nachdenklich betrachtete er einen offensichtlich von verschütteten Chemikalien herrührenden gelben Fleck auf dem Boden; dann gab er sich einen Ruck und verließ das Labor.
Bereits am frühen Vormittag des nächsten Tages lag Bones das Obduktionsergebnis vor: Dr. Glossfield war an einer Phosphorvergiftung gestorben. Wie Bones sich vom Polizeichemiker erklären ließ, hatte man in Glossfields Butterbroten eine nicht unerhebliche Dosis weißen Phosphors gefunden; auch in seinem Magen ließen sich noch einige Zehntelgramm nachweisen. Falls es ein Mord gewesen war, so erfuhr Bones weiter, sei das Versteck des Giftes gut gewählt gewesen, da das intensive Knoblaucharoma der Salami den ähnlichen Geruch des Phosphors überdeckt hatte. Glossfield hatte also die drohende Gefahr nicht bemerken können. Der Chiefinspector grübelte. Konnte es sich bei diesem Fall vielleicht doch um einen Selbstmord handeln? Seine Erfahrung sagte Bones, dass Selbstmörder üblicherweise zu anderen Mitteln griffen als zu vergifteten Salamibroten. Also hatte er es mit einem Mord zu tun. Doch wer war der Mörder?
Zum zweiten Mal betrat Bones das Gebäude der Miss-Sophie-School. Er wollte einige Gespräche führen, von denen er sich Hinweise auf die Lösung des Falles erhoffte. Als erstes führte ihn sein Weg ins Direktorzimmer, wo er von Direktor Lacoste freundlich empfangen wurde. Dankbar registrierte Bones, wie ihm Mrs. Haas, eine Schönheit von bestrickendem Charme, gleichzeitig Schulsekretärin und rechte Hand des Direktors, eine Tasse dampfenden Kaffees servierte. Genüsslich schlürfend begann Bones seine Fragen zu stellen. Lacoste antwortete bereitwillig, und so erfuhr der Chiefinspector schnell, dass Glossfield - bei Schülern wie auch bei seinen Kollegen - einer der beliebtesten Lehrer an der Schule gewesen war. Nein, er hatte bestimmt keine Feinde gehabt. Nebenbei berichtete Lacoste, Glossfields Chemie-Leistungskurs sei vertretungsweise von Mrs. Pink, einer jungen, gerade ausgelernten Lehrerin, übernommen worden. Bones, dem sein Gefühl sagte, dass hier etwas faul war, beschloss, sich Mrs. Pink und ihren Kurs einmal anzusehen. Vielleicht würde er dort endlich einen Hinweis auf den Mörder finden...
Wiederum irrte er durch das Schulgebäude. Dieses Mal fand er den Hörsaal, wo Mrs. Pink gerade den von Glossfield übernommenen Kurs unterrichtete, aber schon im zweiten Anlauf. Bevor er den Raum betrat, lauschte Bones an der Tür. Er hörte, wie Mrs. Pink gerade etwas über den Natronlaugegehalt der Atmosphäre erzählte; ihre Intonation erinnerte ihn dabei an einen nörgelnden Fünfjährigen, dem man gerade seinen Dauerlutscher weggenommen hat. Bones wartete noch einen Moment, dann räusperte er sich und betrat ohne anzuklopfen den Raum. Wie er feststellen konnte, war Mrs. Pink bei den Schülern offensichtlich trotz ihrer merkwürdigen Sprechweise beliebt; jedenfalls sah er, wie einer ihr mit großer Geduld etwas an der Tafel erklärte... Plötzlich drehte Mrs. Pink sich um und gewahrte Bones. Angesichts des Blickes, mit dem sie ihn für die Störung bestrafte, hätte der Chiefinspector gerne einen strategischen Rückzug angetreten, doch er besann sich auf seine Beamtenpflichten, zückte seine Dienstmarke und trug sein Anliegen vor. Zuerst wollte er einzeln mit den Schülern sprechen, dann mit Mrs. Pink. Nach einer halben Stunde hatte Bones alle zehn anwesenden Schüler befragt. Das Ergebnis der Gespräche war eindeutig: Dr. Glossfield hatte in der letzten Unterrichtsstunde vor seinem Ableben wie immer gewirkt, und auch der Unterricht selbst war wie gewöhnlich verlaufen. Zuerst hatte Glossfield 55 Minuten lang die vorletzte Stunde wiederholen lassen; die restlichen 35 Minuten der Doppelstunde hatte man dann mit Warten aufs Pausenklingeln verbracht, da Glossfield keine Lust auf weiteren Unterricht verspürt hatte, andererseits die Schüler aber nicht vorzeitig gehen lassen durfte. Lehrer! Bones grummelte verächtlich und dachte an seine eigene 80-Stunden-Woche und an die lächerlichen fünfzehn Tage Jahresurlaub. Warum war er eigentlich Polizist geworden und nicht Lehrer? Er seufzte. Aber es half alles nichts, er musste jetzt weiterarbeiten. Nach den letzten Befragungen stand für den Chiefinspector fest, dass der Mörder nicht unter den Schülern zu finden war. Sie hatten Glossfield anscheinend sehr gemocht, und er traute ihnen nicht zu, skrupellos genug zu sein, um einen Lehrer umzubringen. Also bat Bones Mrs. Pink zum Gespräch. Bereits nach wenigen Minuten war ihm klargeworden: diese Frau war die Mörderin! Die Stimme, die ausweichende Art, auf Fragen zu antworten, vor allem aber der messerscharfe, verschlagene Blick - all dies waren die Attribute einer eiskalten Killerin. Aber was war das Motiv? Persönlich schien sie keine Feindschaft gegenüber Glossfield gehegt zu haben. Es musste ihr also um die Übernahme des Chemie-Leistungskurses gegangen sein...
Bones entschuldigte sich als nochmals für die Störung und verabschiedete sich. Er wollte das Schulgebäude gerade verlassen, um im Präsidium die Festnahme von Mrs. Pink zu veranlassen, als ihn die Erkenntnis traf: er hatte einen Fehler gemacht! Hastig kehrte er um und eilte abermals ins Direktorzimmer. Dort unterhielt er sich kurz mit Direktor Lacoste, dann war er sich sicher, dass seine ursprüngliche Theorie falsch gewesen war. Mrs. Pink konnte nicht die Mörderin sein, denn sie hatte kein Motiv gehabt: sie hatte den Kurs ja nur vertretungsweise übernommen. Eigentlich durfte sie auch nur Grund- und keine Leistungskurse unterrichten; weil sie aber im Gegensatz zu ihren Kollegen keinen ausgefüllten Stundenplan hatte, sollte sie nach Glossfields Ableben dessen Kurs bis zu den Weihnachtsferien übernehmen. Erst danach sollte der einzige Chemielehrer an der Schule, der außer Glossfield Leistungskurse unterrichten durfte, eben diesen Kurs erhalten. Und dieser eine Lehrer musste der Mörder sein! Nach einigen Minuten des Nachdenkens hatte Bones sich einen Plan zurechtgelegt. Er wollte den Mörder auf frischer Tat ertappen; dazu war allerdings die Hilfe Lacostes notwendig. Dieser sollte, so wünschte der Chiefinspector, bekanntgeben, dass er - in Anbetracht der besonderen Umstände etc. etc. - die Leitung des Chemie-Leistungskurses dauerhaft an Mrs. Pink übergeben habe. Bones hoffte, dass der Mörder daraufhin versuchen würde, auch Mrs. Pink aus dem Wege zu räumen; bei dem Versuch, diesen zweiten Mord zu begehen, wollte er den Killer dann stellen...
Abermals begab Bones sich zum Chemielabor der Schule. Während er keuchend die Treppe emporstieg (denn wie an jeder Schule lag auch in der Miss-Sophie-School das Labor in der obersten Etage - man weiß ja nie, was passiert, und das Dach neu zu decken ist immerhin billiger als eine neue Schule zu bauen), hörte er zufrieden, wie Lacoste die gewünschte Lautsprecherdurchsage vornahm.
Als Bones am Labor ankam, hörte er ein Röcheln. Sollte er zu spät gekommen sein? Eilig betrat er den Raum, und was er sah, raubte ihm fast den Atem. Mrs. Pink lag mit blau angelaufenem Gesicht auf dem Boden; Clohouse war über sie gebeugt und drückte ihr mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, die Kehle zu. Bones hüstelte. Clohouse fuhr herum, wobei er Mrs. Pink losließ, und der Chiefinspector sah in die Augen eines Psychopathen. Dieser Mensch, der Bones äußerlich fatal an Grigorij Jefimowitsch Rasputin erinnerte, der aber doch während der ersten Ermittlungsgespräche einen so netten Eindruck gemacht hatte, wirkte nun wie ein wildes Tier... Bones fühlte, wie in ihm der Hass gegen einen Mann aufstieg, der dabeigewesen war, seinem Karrierestreben das zweite Opfer darzubringen. Er zückte ein Paar Handschellen und verhaftete Clohouse, der nun wie ein Häufchen Elend aussah und nicht einmal versuchte. Widerstand zu leisten. Dann kümmerte er sich um Mrs. Pink und wies über das im Labor befindliche Haustelefon Mrs. Haas an, den Notarzt zu rufen.
Wieder im Präsidium angekommen, begann Bones damit, Clohouse zu verhören. Der Chiefinspector war trotz seiner langen Berufspraxis entsetzt über die Kaltblütigkeit, mit der dieser harmlos wirkende Lehrer einen Mord begangen und einen weiteren zu begehen versucht hatte; auch das, was Clohouse als Motiv für seine Verbrechen angab, schockierte Bones. Nicht genug damit, dass Clohouse mit allen Mitteln endlich einen Leistungskurs bekommen wollte (an der Miss-Sophie-School wurden sämtliche Chemie-Leistungskurse der letzten zehn Jahre ausschließlich an Glossfield vergeben - der Qualifikation wegen, wie es hieß), nein, der beamtete Clohouse hatte den angestellten Glossfield als Schandfleck des Lehrerstandes empfunden und es für seine Pflicht gehalten, diesen Schandfleck zu entfernen...
Bones seufzte erleichtert. Wieder einmal hatte er einen schwierigen Fall gelöst, und wieder einmal verspürte er die Genugtuung, einen gefährlichen Psychopathen an den Galgen gebracht zu haben. Nur einen schweren Gang hatte er noch vor sich: Er musste den Schülern schonend beibringen, dass Mrs. Pink, die sie doch so gemocht hatten, von Clohouse so schwer verletzt worden war, dass sie für immer dienstunfähig bleiben würde. Schweren Herzens machte sich der Chiefinspector auf den Weg...
(Anmerkung: Dieser Text ist als Satire konzipiert. Die Handlung ist selbstverständlich frei erfunden und stellt keine Schilderung realer Ereignisse dar.)
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Stand: 11. Oktober 2003