A. J. Ayer: Unbeantwortete
Fragen
(aus: Feige,
Chr.; Meggle, G.; Wessels, U. (Hrsg.): Der Sinn des
Lebens, München 2000, S. 34 ff.)
Seine philosophierenden Zeitgenossen glaubt Ayer in zwei Klassen einteilen zu können, die Hohepriester und die Gehilfen. Der Hohepriester, bar aller Logik, verzapfe profund klingenden Unsinn, der bestenfalls dichterische Qualitäten habe; Ayer wertet einen Satz von Martin Heidegger als Beispiel: »In der hellen Nacht des Nichts der Angst ersteht erst die ursprüngliche Offenheit des Seienden als eines solchen: dass es Seiendes ist - und nicht Nichts.« Der Gehilfe hingegen sieht sich als Diener der empirischen Wissenschaften; ihnen ist die Erkenntnis der Wirklichkeit vorbehalten, und er begnügt sich mit der handlangerischen Aufgabe, ihnen hier und da logische und sprachliche Probleme aus dem Weg zu räumen.
Auf der Seite der Hohepriester phantasievolle Literatur, auf der Seite der Gehilfen die Wiedereinbindung der Philosophie in die Wissenschaften und, in Kleinarbeit, Lösungen für logische und sprachliche Probleme. Das ist sicher nicht, was die Öffentlichkeit von ihren Philosophen erwartet. Deren Geschäft ist es schließlich, den Sinn des Lebens zu erhellen und den Leuten zu zeigen, wie sie leben sollen. Nenne einen Philosophen je nach seinem Ansatz einen Hohepriester oder einen Gehilfen, die Unterscheidung ist doch unerheblich. Nur seine Botschaft zählt. Weisheit ist gefragt, nicht schnöde wissenschaftliche Erkenntnis. Was hilft es, die Natur zu verstehen, solange wir nichts über den Zweck des Lebens und Fragen der richtigen Lebensführung wissen? Und wer anders als der Philosoph könnte diese bedeutsamste aller Fragen beantworten?
Worauf zu erwidern ist: Es gibt auf diese Fragen keine echte Antwort, und daher ist es zwecklos, sich von Philosophen eine Antwort zu erhoffen. Es ist nur möglich klarzustellen, warum und in welcher Lesart diese Fragen unbeantwortbar sind; ist das erreicht, findet man auch eine Lesart, in der sie eine Antwort zulassen. Es wird sich herausstellen, dass die Art der Antwort keine Aussage ist, die entweder wahr oder falsch ist, sondern die Annahme einer Regel, die als wahr oder falsch zu bezeichnen gar keinen Sinn hat, die aber als mehr oder weniger annehmbar beurteilt werden kann. Damit wäre das Problem gelöst, insofern es überhaupt durch die Vernunft gelöst werden kann. Alles andere ist Sache der persönlichen Entscheidung und letztlich des Handelns.
Beginnen wir, indem wir den Zweck unseres Daseins betrachten. In welcher Hinsicht kann unser Leben einen Zweck haben? Sagt man von einem Menschen, dass er einen Zweck verfolgt, ist der Sinn der Aussage klar: Er beabsichtigt, ausgehend von einer bestimmten Situation eine andere herbeizuführen, die ihm aus irgendwelchen Gründen wünschenswert erscheint. Dann könnte man sagen: Ereignisse haben für ihn in dem Maße Sinn, in dem sie ihn dem gewünschten Ziel näher bringen. Aber was sollen wir darunter verstehen, dass das Leben als Ganzes einen Sinn hat? Vielleicht einfach, dass alle Ereignisse auf ein bestimmtes spezifizierbares Ziel zustreben; um den Sinn des Lebens zu verstehen, wäre es dann nur notwendig, dieses Ziel zu entdecken. Aber erstens gibt es keinen vernünftigen Grund für eine derartige Annahme, und zweitens würde sie, auch wenn sie zuträfe, die Erwartungen nicht erfüllen. Menschen auf der Suche nach einem Lebenssinn interessieren sich nicht für eine Erklärung der Tatsachen ihres Daseins, sie suchen eine Begründung oder Rechtfertigung. Mit einer Theorie, die bloß feststellt, dass der Lauf der Dinge unabänderlich auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist, ist ihnen folglich nicht gedient. Denn das betreffende Ziel ist keines, das sie sich selbst gesetzt haben. Was sie betrifft, ist es ein vollkommen willkürliches Ziel; und nicht weniger willkürlich ist die Tatsache, dass ihre Existenzen mithelfen, es zu erreichen. Kurzum, für das Begründungsproblem gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen einer ideologischen und einer mechanistischen Erklärung der Welt. In beiden Fällen gilt: Dass Ereignisse so aufeinander folgen und gerade so erklärbar sind, wie es der Fall ist, ist eine Sache von Tatsachen und nichts als Tatsachen. Und in Wahrheit ist das, was man eine Erklärung nennt, nichts anderes als eine allgemeinere Beschreibung. Demnach muss jeder Versuch, eine Antwort auf die Frage zu geben, warum das Leben so und so ist, darauf hinauslaufen zu sagen, wie es ist. Aber wer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist, verlangt auf seine Warum-Frage eine Antwort, die keine Antwort auf irgendeine Wie-Frage ist - und er wird aus diesem Grund niemals wirklich zufrieden gestellt werden.
Aber angenommen, so könnte man einwenden, die Welt ist die Schöpfung eines höheren Wesens. In diesem Fall wäre der Zweck unseres Lebens der Zweck, den der Schöpfer verfolgt, und wir fänden den Sinn des Lebens, indem wir uns bewusst dem letztgenannten Zweck anpassen. Aber auch hier gilt erstens, dass für den Glauben an die Existenz eines derartigen höheren Wesens kein vernünftiger Grund besteht, und zweitens, dass so ein Wesen, selbst wenn es existierte, nicht das zu leisten vermag, was hier von ihm erwartet wird. Denn nehmen wir der Diskussion zuliebe einmal an, alles geschehe nach dem Willen eines höheren Wesens. Was uns Menschen angeht, ist der Lauf der Dinge nach wie vor vollkommen willkürlich. Zugegeben, er erfüllt jetzt einen Zweck, aber nicht unseren Zweck. Und wie es unter der vorhergehenden Annahme Zufall war, dass der Lauf der Dinge auf ein bestimmtes Ziel gerichtet war, so ist es nun Zufall, dass Gott einen bestimmten Zweck, nicht einen anderen oder etwa überhaupt keinen verfolgt. Im Übrigen gäbe uns selbst die unhaltbare Annahme einer von Gott bestimmten Welt noch keine Lebensregel. Selbst die Menschen, die am stärksten an einen Schöpfergott glauben, sind nicht imstande, uns mitzuteilen, was er bezweckt haben mag. Sie können natürlich behaupten, durch eine geheimnisvolle Offenbarung eingeweiht worden zu sein, aber wie könnten sie deren Echtheit nachweisen? Selbst wenn wir diesen Einwand zurückstellen und nicht nur annehmen, die Welt erfülle den Zweck eines höheren Wesens, sondern zudem annehmen, wir könnten diesen Zweck entdecken, so hätten wir nach wie vor keine Lebensregel. Denn entweder wird alles durch den Zweck des höheren Wesens bestimmt oder nicht. Im ersten Fall, also wenn jedes Ereignis notwendig in Einklang mit dem höheren Zweck geschieht, gilt das auch für unser Verhalten. Folglich wäre es witzlos, uns für oder gegen das Mitmachen zu entscheiden, schließlich haben wir keine Wahl. Was immer wir tun, wir würden den Zweck dieses Gottes erfüllen; und wäre unser Verhalten ein anderes, so würden wir ihn auch erfüllen. Denn hätten wir die Möglichkeit, den höheren Zweck nicht zu erfüllen, wäre, entgegen unserer Annahme, nicht alles von ihm bestimmt. Betrachten wir jetzt den anderen Fall - den, dass nicht alle Ereignisse notwendigerweise dem höheren Zweck entsprechen. Dann haben wir keinen Grund, unsere Handlungen in seinen Dienst zu stellen, solange wir uns kein Urteil des Inhalts gebildet haben, dass es sich um einen guten Zweck handelt. Das heißt, die Bedeutung unserer Handlungen hängt letztlich von den eigenen Werturteilen ab; und das macht die Mitwirkung eines Gottes überflüssig.
Der Punkt ist, kurz gesagt, dass auch die Anrufung eines Gottes uns nicht in den Stand setzt, die Frage zu beantworten, warum die Dinge so und nicht anders sind. Bestenfalls werden Antworten auf die Frage, wie es sich mit den Dingen verhält, durch die Einführung einer weiteren Erklärungsebene verkompliziert. Selbst wenn sich die Gläubigen über die Wege ihres Gottes im Klaren wären - sie sind es offensichtlich nicht -, wäre es selbst für sie eine bloße Tatsache, dass er sich verhält, wie er sich verhält, genau wie es für Menschen, die nicht an höhere Wesen glauben, eine Sache von Tatsachen ist, dass die Welt ist, wie sie ist. In beiden Fallen bleibt die Frage »Warum?«, unbeantwortet - aus dem sehr überzeugenden Grund, dass sie unbeantwortbar ist. Das heißt, auf jeder gegebenen Ebene ist sie vielleicht beantwortbar, aber die Antwort besteht immer darin, auf einer höheren Ebene zu beschreiben, wie die Dinge sind, und nicht, warum sie so sind, wie sie sind. Zu welcher Ebene wir mit unseren Erklärungen auch vordringen mögen, die letzte Aussage wird niemals die Frage »Warum?» beantworten, sondern zwangsläufig nur die Frage »Wie?».
Ist meine Argumentation korrekt, so ist es sinnlos, nach dem letzten Zweck unseres Daseins oder nach dem wahren Sinn des Lebens zu fragen. Diese Fragen zu stellen heißt anzunehmen, es könnte für das Leben, das wir gerade leben, einen Grund geben, der irgendwie tiefer läge als bloße Tatsachenerklärungen; und diese Annahme ist, wie wir oben gesehen haben, unhaltbar. Im Übrigen ist sie aus logischen Gründen unhaltbar, nicht nur aus faktischen. Es ist ja nicht so, als ginge unserem Leben bedauerlicherweise ein Zweck ab, den es gehabt hätte, wenn die Schicksalsgöttinnen etwas freundlicher gestimmt gewesen wären. Vielmehr wird von jenen, die nach dem wahren Sinn suchen, ein Problem aufgeworfen, auf das es aus logischen Gründen keine Antwort geben kann. Dass sie nun enttäuscht sind, ist folglich, anders als manche romantische Gemüter zu glauben scheinen, kein Anlass für Zynismus oder Verzweiflung. Es gibt überhaupt keine Veranlassung zu emotionalen Reaktionen, da eine andere Lage der Dinge gar nicht vorstellbar ist. Läge es im Bereich des logisch Möglichen, dass unser Dasein in der gewünschten Lesart auf einen Zweck abzielte, wäre es nicht unsinnig zu bedauern, dass es in Wirklichkeit vielleicht keinen Zweck hätte. Aber es ist unsinnig, einer logischen Unmöglichkeit nachzuweinen. Wenn eine Frage so gestellt wird, dass sie unbeantwortbar ist, gibt die Tatsache, dass sie unbeantwortet bleibt, keinen Grund zur Trauer ab. Es ist daher irreführend zu sagen, das Leben habe keinen Sinn - würde damit doch nahe gelegt, der Satz, das Leben habe einen Sinn, sei eine sinnvolle, wenn auch falsche Tatsachenbehauptung, während er in Wahrheit so, wie er in diesem Zusammenhang verstanden wurde, keine sinnvolle Tatsachenbehauptung ist.
Es gibt aber auch eine Lesart, nach der man sinnvoll sagen könnte, das Leben habe einen Sinn. Es hat für jeden Einzelnen von uns den Sinn, den er beschließt, seinem Leben zu geben. Der Zweck eines menschlichen Lebens besteht aus den Zielen, denen sich die betreffende Person bewusst oder unbewusst widmet. Einige Menschen verfolgen ein einziges großes Ziel, dem sie alle ihre Tätigkeiten unterordnen. Falls sie es erreichen, sind sie vielleicht die glücklichsten Menschen der Welt, aber das sind Ausnahmen. Die meisten wechseln von einer Sache zur anderen und haben zu einem bestimmten Zeitpunkt vielleicht eine Reihe verschiedener Ziele im Kopf, die gar nicht zusammenstimmen müssen. Philosophen, mit ihrer Vorliebe für klare Verhältnisse, versuchen hin und wieder zu zeigen, dass sich die augenscheinliche Vielfalt der Interessen auf ein einziges reduzieren lässt. In Wahrheit gibt es aber kein Ziel, das alle Menschen anstreben, nicht einmal das Glück. Denn ohne hier der Frage nachzugehen, ob Menschen immer ein glückliches Leben anstreben sollten, ist jedenfalls klar, dass sie es nicht immer tun - es sei denn, wir verwendeten das Wort »Glück» nur als eine Beschreibung eines jeden tatsächlich verfolgten Ziels, So stellt sich in ihrer empirischen Lesart die Frage nach dem Sinn des Lebens als unvollständig heraus. Es gibt keine einzelne Sache, die man zu Recht als Lebenssinn bezeichnen könnte. So wie die Menschen ihre vielfältigen Ziele verfolgen, hat das Leben zu verschiedenen Zeiten für verschiedene Menschen einen unterschiedlichen Sinn. Mehr lässt sich nicht sagen.
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Stand: 09. Mai 2004