- Einige Pearl Jam-Fans mögen mich bei folgender Behauptung lynchen wollen, einige küssen. Wie auch immer, aber eines ist Fakt: Neben No Code ist Vs. Pearl Jams bis heute bestes Album. Warum nicht Ten oder Binaural? Ganz einfach, weil kein anderes Album, wie eben genannte, so ehrlich und ungeschliffen ist. Und vielleicht ist es das beste Grunge-Album überhaupt. Ten wirkte noch zu sehr wie ein Glamour-Debüt. Freilich hat es sehr große Hits, vielleicht die größten Grunge-Hits bis heute ("Jeremy", "Alive"). Aber mit Vs. haben Pearl Jam ihre Qualitäten noch mehr bewiesen. Auch wenn keines der Songs ein echter kommerzieller Erfolg geworden ist. Gerade das wollten die Jungs ja auch nicht.
- Nach den Aufnahmen zu Vs. fing es an in der Band zu kriseln, nachdem Ex-Drummer Abbruzzese offenkundig anfing den Banderfolg zu genießen. Abbruzzese entwickelte sich zu einer Art Störer in den eigenen Reihen, in einer Zeit, als Pearl Jam sich mehr und mehr zurückzogen und sich dem Kommerz entsagten (Indiz dafür war auch die Geheimhaltung der Veröffentlichung des Albums bis zur letzten Sekunde, was heute vielleicht fast unmöglich wäre.). Sie wurden zur damals größten Band, wie sie aber nicht wirklich wollten. Gerade diese bandinterne Reibung mag die Energie freigesetzt haben, die Pearl Jam bei den Aufnahmen auf Tape brachten. Bis heute wirkt kein anderes Album der Band so kompakt, rockig, hart, bitter und doch so melodiös und bittersüß. Viele Adjektive passen hier, alle vermag ich nicht aufzuzählen. Den Rest kann und sollte jeder selbst ausmachen. Jeder, der Ten noch mit einem Lächeln, mit Hohn und Spott begutachtete (darunter auch Nirvanas Kurt Cobain) wurde bei Vs. stumm: Jede Obsession schmetterte Vedder mit dem Opener "Go" ab. Jeder der mit nur der geringsten Bewunderung für den Frontmann daherkam wurde mit den Zeilen >>Oh please don't go on me now!!<< wieder einem Feuerball an Grunge-Rhythmik und röhrenden Riffs in die Wüste geschickt. Verdanken dürfen Pearl Jam ihren unverwechselbaren und marschierenden Rhythmus auf dem gesamten Album übrigens nur einem Mann: ihrem Ex-Drummer Dave Abbruzzese. In meinen Augen war er der beste Drummer der Band, da kein anderer es verstanden hat jedes einzelne Bandelement (Gitarre, Bass und Gesang) so perfekt zu verknüpfen.
- Aber auch die ruhigen Passagen des Longplayers ("Daughter", "Elderly Woman Behind the Counter in a Small Town") haben eine unausweichliche Anziehungskraft, der sich keiner wirklich entziehen kann. In "Daughter" sahen sich viele Mädchen der unverstandenen MTV-Generation, und dankten Eddie für sein Verständnis - auch wenn sie womöglich nicht wirklich verstanden, worüber er eigentlich sang. In den Pearl Jam-Konzerten stand Vedder wie gequält am Mikrofon, rang die Hände, verfiel in Verrenkungen und wirkte wie ein gequältes Häufchen Elend das erschossen werden wollte - und brachte so erstaunlich viel Energie zu Tage, mit unerreichter Perfektion und Hingabe. Vs. reicht fast an ihre Live-Qualitäten heran, sodass man bei manchen Stücken meint direkt vor der Bühne zu stehen, wenn Vedder ins Mikro brüllt oder Gossard und McCready ihre Gitarren ausreizen ("Blood", "Leash", "Animal"). Damals verglichen Rezensenten dieses Album mit allerlei Größen der Rockgeschichte. Davon will ich absehen, davon muss man absehen.
- Denn Vs. ist und bleibt bis heute unerreicht. Gott sei Dank.
- - Dennis Vihar
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Pearl Jam online: www.tenclub.com
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